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Wechseljahre: Welche Heilpflanzen wirklich wirken

Viele Frauen suchen in den Wechseljahren nach pflanzlichen Alternativen zu Hormonen. Doch eine der bekanntesten Pflanzen ist gar kein „pflanzliches Östrogen" – ein Missverständnis, das kaum jemand aufklärt.

Frische Traubensilberkerze, Rotkleeblüten und getrocknete Salbeiblätter auf einem hellen Leinentuch

Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlaf, der plötzlich brüchig wird: Die Wechseljahre bringen für viele Frauen Beschwerden mit sich, die den Alltag prägen. Wer eine Hormontherapie meiden möchte, greift oft zu Heilpflanzen. Doch „pflanzlich" heißt nicht automatisch „wie Östrogen, nur sanfter". Dieser Beitrag trennt Pflanzen mit hormonähnlichem Wirkweg von solchen, die ganz anders arbeiten – und ordnet ein, was die Forschung wirklich zeigt.

Pflanzen statt Hormone: der Wunsch vieler Frauen ab 45

Rund um das 45. bis 55. Lebensjahr verändert sich der Hormonhaushalt. Der Östrogenspiegel sinkt, und viele Frauen spüren das als Hitzewallungen, Nachtschweiß, Reizbarkeit oder Schlafstörungen. Eine Hormonersatztherapie kann diese Beschwerden wirksam lindern, ist aber nicht für jede Frau die erste Wahl. Genau hier setzt das Interesse an Heilpflanzen an: Sie gelten als sanft, natürlich und selbstbestimmt anwendbar.

In der Werbung und in vielen Ratgebern werden pflanzliche Mittel dabei gern in einen Topf geworfen – nach dem Motto, sie alle „ersetzten" das fehlende Östrogen ein Stück weit. Das ist der Kern eines weit verbreiteten Missverständnisses. Denn die Pflanzen, die traditionell bei Wechseljahresbeschwerden genutzt werden, wirken auf sehr unterschiedliche Weise. Einige ähneln tatsächlich dem körpereigenen Östrogen. Andere haben mit Hormonen nichts zu tun.

Der Irrtum: Traubensilberkerze ist kein pflanzliches Östrogen

Die Traubensilberkerze (botanisch Cimicifuga racemosa oder Actaea racemosa) ist die vielleicht bekannteste „Wechseljahres-Pflanze". Genau bei ihr hält sich ein hartnäckiger Irrtum: Sie wird oft als pflanzliches oder „natürliches" Östrogen beschrieben. Das ist nach heutigem Kenntnisstand falsch.

Ein systematischer Überblick über die experimentelle Forschung zu Cimicifuga racemosa kam bereits zu dem Schluss, dass die Pflanze keine östrogene Wirkung zeigt, sondern offenbar über eine zentrale Wirkung statt über einen Hormoneffekt arbeitet (Borrelli, Izzo & Ernst 2003). In Labor- und Tierversuchen band der Extrakt also nicht wie ein Östrogen an die entsprechenden Rezeptoren. Diskutiert werden stattdessen Einflüsse auf Botenstoffsysteme im Gehirn, etwa auf Serotonin- und Dopaminwege, die bei der Temperaturregulation eine Rolle spielen.

Was heißt „nicht-hormonell"?

„Nicht-hormonell" bedeutet: Die Traubensilberkerze verhält sich im Körper nicht wie das weibliche Geschlechtshormon und wirkt nach aktuellem Verständnis nicht über den Östrogenstoffwechsel. Das ist mehr als eine Randnotiz. Wer glaubt, mit der Pflanze eine Art milde Hormonkur zu machen, liegt daneben – und wer sie gerade deshalb wählt, weil sie kein Östrogen nachahmt, trifft womöglich eine bewusstere Entscheidung. Diese Unterscheidung wird auf vielen Ratgeberseiten schlicht übersprungen.

Was Phytoöstrogene wirklich sind: Soja, Rotklee, Rhabarber

Phytoöstrogene sind pflanzliche Stoffe, die dem körpereigenen Östrogen in ihrer Struktur ähneln und deshalb – meist schwach – an dessen Rezeptoren andocken können, bevorzugt am sogenannten Östrogenrezeptor beta. Zu dieser Gruppe zählen andere Pflanzen als die Traubensilberkerze:

  • Soja: liefert Isoflavone wie Genistein und Daidzein – die am besten untersuchten Phytoöstrogene.
  • Rotklee: enthält ebenfalls Isoflavone und wird häufig als Extrakt angeboten.
  • Rhabarber: Der Spezialextrakt aus Rhapontik-Rhabarber (Rheum rhaponticum) enthält Hydroxystilbene, die gezielt am Östrogenrezeptor beta ansetzen.

Diese Pflanzen arbeiten also über einen hormonähnlichen Mechanismus – im Gegensatz zur Traubensilberkerze. Genau diese Trennung zwischen „Phytoöstrogen" und „nicht-hormonell" liefern die wenigsten Seiten, sie ist aber der Schlüssel, um die Mittel überhaupt sinnvoll zu vergleichen.

Wie gut ist die Wirkung belegt?

Uneinheitlich, aber nicht ohne Lichtblicke. Eine große Auswertung im Fachjournal JAMA fand, dass Phytoöstrogene – vor allem Soja-Isoflavone – mit einer bescheidenen Verringerung von Hitzewallungen und Scheidentrockenheit einhergingen, nicht aber von Nachtschweiß; die Qualität der Studien war dabei sehr unterschiedlich (Franco et al. 2016). Eine weitere Übersichtsarbeit kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Phytoöstrogene die Häufigkeit von Hitzewallungen etwas senken können (Chen, Lin & Liu 2015).

Die umfangreiche Cochrane-Übersicht zu Phytoöstrogenen ist zurückhaltender: Über alle Präparate hinweg ließ sich kein eindeutiger Nutzen gegenüber einem Scheinmedikament belegen, wobei Konzentrate des Isoflavons Genistein am ehesten ein Signal zeigten (Lethaby et al. 2013). Für den Rhapontik-Rhabarber-Extrakt berichteten kontrollierte Studien einen Rückgang der Beschwerden gegenüber Placebo (Heger et al. 2006); die Datenbasis ist hier allerdings schmal und stammt aus dem Umfeld des Herstellers.

Und die Traubensilberkerze – hilft sie trotzdem?

Dass eine Pflanze nicht über Hormone wirkt, heißt nicht, dass sie unwirksam ist. Die entscheidende Frage lautet also: Lindert die Traubensilberkerze Wechseljahresbeschwerden? Die ehrliche Antwort: Die Belege reichen bislang nicht aus, um das sicher zu sagen.

Eine Cochrane-Übersicht wertete sechzehn kontrollierte Studien mit rund 2.000 Frauen aus und fand keinen bedeutsamen Unterschied zwischen der Traubensilberkerze und einem Scheinmedikament bei der Häufigkeit der Hitzewallungen oder in den Beschwerde-Scores; zugleich waren viele Studien methodisch schwach (Leach & Moore 2012). Traditionell wird die Pflanze bei leichten Wechseljahresbeschwerden angewendet, und die europäische Zulassungsbehörde führt sie als traditionelles pflanzliches Arzneimittel. Ein Heilversprechen lässt sich daraus nicht ableiten.

TippPflanzliche Mittel brauchen Geduld: In Studien wurde meist über mehrere Wochen beobachtet. Geben Sie einem Präparat also Zeit, statt täglich zu wechseln, notieren Sie Ihre Beschwerden – und lassen Sie sich in der Apotheke oder bei einer Fachperson zu Dosierung und Wechselwirkungen beraten, besonders wenn Sie weitere Medikamente einnehmen.

Warum die Studien sich widersprechen: das Placebo-Rätsel

Wer Erfahrungsberichte liest, findet Frauen, die auf eine Pflanze schwören, und andere, die keinerlei Wirkung spüren. Ein wichtiger Grund für diese Widersprüche steckt in den Hitzewallungen selbst: Sie sprechen außergewöhnlich stark auf Placebo an. In den Cochrane-Studien ging die Häufigkeit der Beschwerden allein unter dem Scheinmedikament je nach Untersuchung um 1 bis 59 Prozent zurück (Lethaby et al. 2013).

Diese große Spanne erklärt, warum kleine oder unsauber angelegte Studien scheinbar eindeutige „Erfolge" zeigen können, die sich in strengen Vergleichen wieder auflösen. Für die Praxis heißt das nicht, dass pflanzliche Mittel wertlos sind – wohl aber, dass ein spürbarer persönlicher Nutzen nicht beweist, dass allein der Pflanzenstoff dahintersteckt. Eine seriöse Einordnung benennt diese Unsicherheit offen, statt mit Versprechen zu werben. Wie Heilpflanzen grundsätzlich zwischen Überlieferung und Forschung stehen, zeigt auch die Geschichte der Naturheilkunde.

Überblick nach Wirkweg; die Einordnung beruht auf der zitierten Fachliteratur und ersetzt keine Beratung.
PflanzeWirkwegWas Studien zeigen
Soja (Isoflavone)Phytoöstrogen, bindet schwach an Östrogenrezeptorenbescheidene Verringerung der Hitzewallungen möglich
RotkleePhytoöstrogen (Isoflavone)kein eindeutiger Vorteil gegenüber Placebo
Rhabarber (Rhapontik, Spezialextrakt)phytoöstrogen-artig, wirkt am Östrogenrezeptor betaRückgang in einzelnen Studien; schmale, herstellernahe Datenbasis
Traubensilberkerzenicht-hormonell, vermutlich zentrale Wirkungkein bedeutsamer Unterschied zu Placebo belegt
Salbeinicht-hormonell, traditionell bei Schwitzenwenig belastbare Daten; Anwendung überliefert

VorsichtPflanzlich ist nicht gleich harmlos. Für Präparate der Traubensilberkerze wurden in seltenen Fällen Leberreaktionen berichtet, worauf die europäische Arzneimittelbehörde in der Produktinformation hinweist. Wer eine hormonempfindliche Erkrankung hatte oder Medikamente einnimmt, sollte Phytoöstrogene vorher ärztlich abklären. Pflanzliche Mittel können eine Behandlung begleiten, ersetzen sie aber nicht. Bei starken oder ungewöhnlichen Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Heilpraktikerin bzw. einen Heilpraktiker; im Notfall wählen Sie den Notruf 112.

Unterm Strich lohnt sich der genaue Blick: Nicht jede „Wechseljahres-Pflanze" wirkt wie Östrogen, und keine ersetzt eine ärztliche Einschätzung. Wer versteht, welche Pflanze über welchen Weg arbeitet, kann gemeinsam mit einer Fachperson besser entscheiden – und Werbeversprechen leichter durchschauen.

Häufige Fragen

Ist die Traubensilberkerze ein pflanzliches Östrogen?

Nein. Anders als Soja, Rotklee oder Rhabarber zählt die Traubensilberkerze nach heutigem Kenntnisstand nicht zu den Phytoöstrogenen. Experimentelle Untersuchungen fanden keine östrogene Wirkung; die Pflanze wirkt offenbar nicht-hormonell über zentrale Mechanismen. Sie wird traditionell bei Wechseljahresbeschwerden angewendet.

Welche Heilpflanze hilft am besten bei Hitzewallungen?

Eine eindeutig überlegene Pflanze gibt es nicht. Für Soja-Isoflavone deuten Auswertungen auf eine leichte Verringerung der Hitzewallungen hin. Die Studienlage ist insgesamt uneinheitlich und der Placebo-Effekt ist groß. Bei starken Beschwerden sollten Sie ärztlichen oder heilpraktischen Rat einholen.

Was ist der Unterschied zwischen Traubensilberkerze und Rotklee?

Rotklee enthält Isoflavone und zählt zu den Phytoöstrogenen, die schwach an Östrogenrezeptoren binden. Die Traubensilberkerze wirkt dagegen nicht-hormonell. Beide werden traditionell genutzt, unterscheiden sich im Wirkweg aber grundlegend.

Sind Phytoöstrogene aus Pflanzen sicher?

In Studien wurden Phytoöstrogene über bis zu zwei Jahre meist gut vertragen. Wer eine hormonempfindliche Erkrankung hatte oder Medikamente einnimmt, sollte die Anwendung vorher ärztlich abklären. Die Inhalte ersetzen keine persönliche Beratung.

Kann ich pflanzliche Mittel statt Hormonen nehmen?

Pflanzliche Mittel werden traditionell bei leichten Wechseljahresbeschwerden angewendet und können unterstützend wirken. Sie sind keiner Hormontherapie gleichzusetzen. Ob eine pflanzliche Begleitung sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Wann sollte ich mit Wechseljahresbeschwerden zur Ärztin?

Bei sehr starken Hitzewallungen, ungewöhnlichen Blutungen, dauerhaft gedrückter Stimmung oder Unsicherheit über die passende Behandlung sollten Sie ärztlichen Rat suchen. In Notfällen wählen Sie den Notruf 112.

Wichtiger Hinweis. Die Inhalte von Naturklar dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die beschriebenen Pflanzen werden traditionell angewendet und können unterstützend wirken; sie sind kein Heilversprechen. Bei anhaltenden oder ernsten Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Heilpraktikerin bzw. einen Heilpraktiker. In Notfällen wählen Sie den Notruf 112.

Quellen

  1. Leach MJ, Moore V. Black cohosh (Cimicifuga spp.) for menopausal symptoms. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 9, Art. CD007244. DOI: 10.1002/14651858.CD007244.pub2.
  2. Borrelli F, Izzo AA, Ernst E. Pharmacological effects of Cimicifuga racemosa. Life Sciences 2003;73(10):1215–1229. DOI: 10.1016/s0024-3205(03)00378-3.
  3. Lethaby A, Marjoribanks J, Kronenberg F, et al. Phytoestrogens for menopausal vasomotor symptoms. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 12, Art. CD001395. DOI: 10.1002/14651858.CD001395.pub4.
  4. Chen MN, Lin CC, Liu CF. Efficacy of phytoestrogens for menopausal symptoms: a meta-analysis and systematic review. Climacteric 2015;18(2):260–269. DOI: 10.3109/13697137.2014.966241.
  5. Franco OH, Chowdhury R, Troup J, et al. Use of Plant-Based Therapies and Menopausal Symptoms: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 2016;315(23):2554–2563. DOI: 10.1001/jama.2016.8012.
  6. Heger M, Ventskovskiy BM, Borzenko I, et al. Efficacy and safety of a special extract of Rheum rhaponticum (ERr 731) in perimenopausal women with climacteric complaints. Menopause 2006;13(5):744–759. DOI: 10.1097/01.gme.0000240632.08182.e4.
  7. European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): Cimicifugae rhizoma – herbal monograph and product information. ema.europa.eu.
  8. AWMF S3-Leitlinie: Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen (AWMF-Registernummer 015-062). awmf.org.

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